 Ab 1947 hat Professor Tomatis Untersuchungen über das menschliche Gehör durchgeführt. Als Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Sohn eines Sängers interessierte er sich bald für physiologische Probleme bekannter Sänger. Anhand von Audiogrammen stellte er fest, dass diese Patienten in bestimmten Registern nicht gut sangen, weil sie die Töne nicht hören konnten. Von dieser Erkenntnis ausgehend hat Professor Tomatis ein Grundgesetz formuliert:
“Die Stimme enthält nur die Frequenzen, die das Ohr hören kann”
Nicht zufrieden mit der alleinigen Feststellung, entwickelte er das Elektronische Ohr, ein Gerät, das es den Patienten möglich macht, Töne zu hören, die sie normalerweise nicht wahrnehmen können. Durch diese über einen bestimmten Zeitraum durchgeführte auditive Stimulation kann die Stimmbildung verändert werden.
Die Entdeckung, dass Gehör und Stimme eng miteinander verbunden sind hat Professor Tomatis dazu gebracht, über die Behandlung von Sängern hinauszugehen. Seine wissenschaftliche Neugier führte ihn dazu, sich für andere Probleme, wie Lernschwierigkeiten und Kommunikationsprobleme, zu interessieren.
40 Jahre Forschungstätigkeit und praktische Erfahrung haben es ihm ermöglicht, eine Verbindung zwischen dem Gehör und der Psyche einer Person herzustellen. Während der Wachstumszeit eines Kindes müssen gewisse, seine Entwicklung begünstigende, Bedingungen vorhanden sein. Sind diese Bedingungen nicht vorhanden, entwickelt das Kind Verteidigungsmechanismen, die zu einem Verlust der Kommunikationswilligkeit oder zu der Angst führen, zu der familiären oder der schulischen Umwelt in Beziehung zu treten. Diese psychologische Dimension wirkt sich auf das Gehör aus und das Ohr wird für die eine oder andere Frequenz verschlossen. Das Kind hört mehr sich selbst, als die anderen...
Mit Hilfe des Elektronischen Ohrs baut die Tomatis Methode psychologische Sperren ab und ermöglicht das Wiedererleben der Entwicklungsphasen durch Töne (intrauterine Zeit, Geburt, Zeit vor und nach dem Sprechenlernen)
Bei Kindern mit Schulproblemen können bei der Statusbestimmung in Audio-Psycho-Phonologie oft ähnliche Anomalien und Verzerrungen des Gehörs beobachtet werden. Aufgrund eines vom Kind in Gang gesetzten Systems zur Filterung von Information, ist es nicht einfach, die Möglichkeiten des Gehörs auszuwerten.
Häufig ist eine teilweise oder vollständige Selektivität vorhanden, wodurch es schwierig oder gar unmöglich wird, den Unterschied zwischen bestimmten tiefen und hohen Tönen festzustellen. Ebenso enthüllt der Horchtest bei diesen Kindern Probleme in der Ortung der Schallquelle, was die fehlerhafte räumliche Orientierung des Kindes demonstriert.
Häufig wird bevorzugt das linke Ohr zur Klangwahrnehmung benutzt. Wir wissen jedoch, dass die zu entschlüsselnde Nachricht auf der Strecke zwischen dem rechten Ohr und der linken Gehirnhälfte, effizient, schnell und genau übertragen wird. Die Strecke linkes Ohr - rechte Gehirnhälfte ist dagegen eher zufällig, da keine Zone der rechten Gehirnhälfte auf die Entschlüsselung von Sprache spezialisiert ist.
Andererseits ist die Wahrnehmung bestimmter Frequenzen (im Fall der französischen Sprache der Bereich zwischen 1.000 und 2.000 Hertz) bei Kindern mit Schulproblemen unregelmässig. Bei einem Kind ohne Probleme ist eine regelmässige, kuppelförmige Kurve erkennbar, während bei Schülern, die für weniger begabt gehalten werden, meist das Gegenteil zu sehen ist: ihr Gehör kann nicht wahrnehmen und die Kuppel wird durch eine Senke ersetzt.
Diese Störungen zeigen, dass das Kind, auch wenn es will, nicht einwandfrei hören kann. Es wird gewissermassen zum Fremden in seiner Muttersprache. In der Schule führt dies zu einer Blockade beim Lesen und Schreiben, einem Unverständnis grammatischen Regeln gegenüber, zu Konzentrationsschwäche, schlechtem Gedächtnis, Beziehungsstörungen und Interesseverlust.
Für eine andere Kategorie von Schülern, die Kinder von Immigranten, können Integrationsprobleme darauf beruhen, dass ihre Ohren nicht für die Frequenzen der französischen Sprache geöffnet sind. In mehreren Ländern durchgeführte Untersuchungen haben klar gezeigt, dass jede Sprache ihre eigene Hüllkurve hat. Dies bedeutet, dass bestimmte Frequenzen oder Frequenzbereiche bei der Äusserung einer verbalen Nachricht bevorzugt werden. So kann ein italienisches Kind, dessen Muttersprache vorzugsweise die Bandbreite von 2.000 bis 4.000 Hertz belegt, Schwierigkeiten haben, die Frequenzen der französischen Sprache (1.000 bis 2.000 Hertz) wahrzunehmen.
Zudem haben einige Sprachen einen schnelleren Rhythmus als andere und jede Sprache hat eine für sie typische Latenzzeit, die gebraucht wird, um die eigene mündliche Äusserung zu hören und zu kontrollieren. Ein Kind mit einer anderen Muttersprache kann daher Schwierigkeiten beim Erlernen der Landessprache haben, weil es sie nicht einwandfrei hören kann. Durch eine Stimulation des Gehörs im Bereich der erwünschten Frequenzen macht es das Elektronische Ohr dem Kind möglich, sich der Fremdsprache zu öffnen und sie zu integrieren. Von diesem Zeitpunkt an wird es Französisch besser hören und folglich auch sprechen. Dies gilt selbstverständlich auch für Jugendliche mit französischer Muttersprache, die Schwierigkeiten haben, eine Fremdsprache zu lernen.
Konkret beginnt die Tomatis-Methode mit einem Horchtest. Dieser Test ermöglicht es, die Schwellenwerte der Hörwahrnehmung in den Bereichen Frequenz, Ortung, auditive Unterscheidungsfähigkeit und auditive Lateralität festzustellen. Auf Grundlage dieser Informationen wird die Art der Klänge festgelegt, die der Trainingsteilnehmer über das Elektronische Ohr zu hören bekommt. Dieses Gerät kann die Frequenzen verzerren und analysieren und dank eines Kippschaltsystems gefilterte Töne an den Kopfhörer des Trainingsteilnehmers senden, so dass ein Wechsel zwischen normalem (und daher fehlerhaftem) und berichtigtem Hören stattfindet. Es handelt sich demnach um eine Hörgymnastik, die ein Neuerlernen des Hörens ermöglicht und die dazu führt, auf andere Weise zu hören, zu sprechen, zu singen und sogar sich anders zu bewegen.
Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass sie nicht versucht zu rehabilitieren, sondern die Ursache der Probleme direkt angeht, die sich oft in einem geschwächten Selbstbewusstsein und einem völligen Motivationsverlust äussern. Die Methode wirkt unbewusst und macht es der Person möglich, auf positive Weise ihre auditiven und affektiven Erfahrungen wieder zu erleben. Danach kann das Kind die verschiedenen Methoden der Rehabilitation eher nutzen, da sein Gehör effizienter funktioniert, was wiederum ein besseres Gedächtnis, eine erhöhte Konzentrationsfähigkeit und die verbesserte Fähigkeit, auf andere einzugehen, bewirkt.
Die Tomatis-Methode beabsichtigt ein Wiedererlernen der Horchfähigkeit. Sie zielt darauf ab, dem Gehör die Leistungsfähigkeit wiederzugeben, die es bei der Geburt besitzt, um so zu einer verbesserten Kommunikation und zur besseren Nutzung der persönlichen Fähigkeiten zu verhelfen. |